Zum Hauptinhalt springen

        Software für BMW: "Von Anfang an war internationale Expansion unser Ziel...

Seoul Robotics: Das koreanische Startup für autonomes Fahren, das BMW überzeugte

Software für BMW: "Von Anfang an war internationale Expansion unser Ziel...

Seoul Robotics: Das koreanische Startup für autonomes Fahren, das BMW überzeugte

Titelbildquelle=Website von Seoul Robotics

Software für BMW: “Von Anfang an war internationale Expansion unser Ziel… wir planen Wachstum in Richtung Smart City”

München ist dank seines reichen Startup-Ökosystems und der Hauptsitze großer deutscher Unternehmen wie BMW, Siemens und Allianz ein attraktiver Standort. Wer nicht nur deutschsprachige Länder wie Österreich und die Schweiz, sondern auch Osteuropa mit Tschechien, Ungarn oder Slowenien im Blick hat, findet hier viele Vorteile. Unter den Unternehmen, die aus diesen Gründen nach München gegangen sind, fällt ein koreanisches Startup besonders auf: Seoul Robotics, Entwickler von 3D-Computer-Vision-Software. Wir sprachen mit CEO Hanbin Lee über den Schritt nach München.

Das 2017 gegründete Seoul Robotics entwickelt 3D-Computer-Vision-Software, die 3D-Sensoren wie LiDAR mit Machine Learning analysiert.
Das 2017 gegründete Seoul Robotics entwickelt 3D-Computer-Vision-Software, die 3D-Sensoren wie LiDAR mit Machine Learning analysiert. Foto=seoulrobotics.org

Seoul im Namen, global als Unternehmen

Seoul Robotics wurde im Sommer 2017 in Korea gegründet. Das Startup entwickelt 3D-Computer-Vision-Software, die 3D-Sensoren wie LiDAR mit Machine Learning analysiert. Obwohl “Seoul” im Namen steht, ist das Unternehmen bei näherem Hinsehen eher ein globales Startup.

20 Prozent der Mitarbeitenden sind Ausländer, und die Unternehmenssprache ist Englisch. Bewerbungen müssen auf Englisch eingereicht werden; koreanische Lebensläufe werden automatisch aus dem Verfahren ausgeschlossen. CEO Lee erklärt: “Da nicht alle vier Mitgründer Koreaner sind, ist Englisch die gemeinsame Sprache der Geschäftsführung. Wir haben entschieden, dass die Kommunikation mit den Mitarbeitenden auf Englisch effizienter ist und Transparenz gewährleistet.” Weiter sagte er: “Im Koreanischen entstehen durch Höflichkeitssprache besondere hierarchische Beziehungen. Solche kleinen Dinge behindern aus meiner Sicht effiziente Kommunikation. Dass wir schon bei der Gründung davon träumten, nicht nur in Korea, sondern weltweit aktiv zu sein, war ebenfalls ein wichtiger Grund, Englisch als gemeinsame Sprache festzulegen.”

Mitarbeitende von Seoul Robotics. 20 Prozent sind Ausländer, und die Unternehmenssprache ist Englisch.
Mitarbeitende von Seoul Robotics. 20 Prozent sind Ausländer, und die Unternehmenssprache ist Englisch. Foto=seoulrobotics.org

Auch die Stellenausschreibungen von Seoul Robotics betonen ein “globales Arbeitsumfeld” und eine “effiziente, horizontale Kultur”. Dahinter steht die Annahme, dass eine horizontale Kultur technisch die höchste Effizienz ermöglicht.

Der Ursprung von Seoul Robotics war eine Online-Studiengruppe von vier Mitgründern, die 2017 in verschiedenen Ländern lebten und sich ausschließlich für Deep Learning und autonomes Fahren interessierten. Im Juli 2017 erreichte diese Gruppe bei einem autonomen Fahrwettbewerb im Silicon Valley unter 2.000 Teams weltweit Platz zehn. Dass Menschen, die sich online trafen, auf Englisch kommunizierten und mit einem gemeinsamen technischen Ziel ein Unternehmen gründeten, zeigt beispielhaft, dass ein koreanisches Startup nicht zwingend in Korea und nur auf Koreanisch entstehen muss.

Seoul Robotics in München

Seoul Robotics, das mit dem Namen Seoul global auftreten wollte, expandierte 2019 nach Europa und gründete eine Niederlassung in München. Auslöser war BMW als Kunde. Die europäische Gesellschaft entstand, um nahe beim Kunden zu kommunizieren und eng zusammenzuarbeiten. Einen eigenen Plan, speziell den deutschen Markt oder Münchens Startup-Ökosystem zu nutzen, gab es zunächst nicht. Doch nach der Ankunft in München ergaben sich Chancen ganz natürlich.

Lee sagt: “Allein die Tatsache, dass BMW unser Kunde ist und wir bereits eine Gesellschaft in Europa haben, führte dazu, dass viele Unternehmen Kontakt aufnahmen.” So kamen Kunden in Deutschland und Österreich hinzu. Die Münchner Niederlassung hat derzeit drei Mitarbeitende verschiedener Nationalitäten und will zwei weitere einstellen. Laut Lee ist die geringe Größe kein Problem, weil die eigentlichen Projekte gemeinsam mit dem Entwicklungsteam in Korea umgesetzt werden.

Das Unternehmen arbeitet mit klarer Rollenverteilung: Die Grundlagenentwicklung findet in Korea statt, während München die Technologie für Deutschland und die jeweilige Kundensituation optimiert. Welche weiteren Vorteile bringt München? “Erstens ist es leichter, lokale Mitarbeitende einzustellen, die den Markt kennen und bereits Netzwerke haben. Und weil die Gesellschaft in Deutschland sitzt, steigt beim Kunden das Vertrauen in die Kontinuität des Geschäfts.” Mit BMW entwickelt Seoul Robotics derzeit LiDAR-Software für autonome Fahrzeuge.

Warum ein in Seoul gestartetes Unternehmen ins Ausland blickte

Ich fragte mich, warum ein Startup für 3D-Computer-Vision-Software den Namen “Robotics” wählte. Robotik ist ein breiter Begriff, wird aber oft mit Hardware-Robotern verbunden. Lee sagt: “Autonomes Fahren gehört ebenfalls zur Robotik. Robotik besteht zu 90 Prozent aus Wahrnehmung. 3D-Vision-Technologie schafft die Grundlage dafür, dass Roboter wie Menschen sehen und verstehen können. Auch wenn wir den Roboter selbst nicht bauen, entwickeln wir die Kernsoftware, die Roboter bewegt. Deshalb haben wir den Namen Robotics gewählt."

SENSR, die von Seoul Robotics entwickelte 3D-Wahrnehmungssoftware.
SENSR, die von Seoul Robotics entwickelte 3D-Wahrnehmungssoftware. Foto=seoulrobotics.org

Für Laien braucht der Name Erklärung, doch für Menschen aus der Branche des autonomen Fahrens ist er intuitiv und leicht einprägsam. Richtung und Expertise des Unternehmens sind so klar wie der Name. Wenn Seoul Robotics bei einem Silicon-Valley-Wettbewerb mit LiDAR weltweit Platz zehn erreichte, scheint der Schritt zur Weltspitze bei LiDAR-Software nicht mehr fern. Doch solche Ergebnisse kamen nicht von Anfang an.

“Nach dem Wettbewerb erhielten wir verschiedene Angebote aus den USA. Von koreanischen Großunternehmen bekamen wir jedoch kein besonders gutes Feedback. Häufig begegneten sie uns mit Misstrauen und fragten: ‘Kann ein kleines Startup wie ihr das wirklich?’ Sie schickten uns weg und forderten Referenzunternehmen. Deshalb haben wir das Geschäft von Anfang an nicht nur auf den koreanischen Markt ausgerichtet”, erklärt Lee.

Heute zählt Seoul Robotics neben BMW auch Mercedes-Benz, Volvo und andere führende globale Autohersteller zu seinen Kunden. Der einzige koreanische Partner, Mando, wurde ebenfalls zuerst im Ausland kennengelernt, nicht in Korea. “Von Anfang an gingen wir zu vielen Messen auf der ganzen Welt. Da unser Vertrieb B2B-orientiert ist, waren Messen ein guter Kanal.”

Nach COVID-19 veränderten sich die Geschäftsmethoden jedoch stark: statt Messen eher Zoom-Meetings. “Da wir softwarezentriert sind, hatten wir das Glück, von COVID nicht stark getroffen zu werden. Wir können Software auch in Online-Meetings erklären, und wenn wir das Programm senden, kann die Gegenseite es ausreichend testen.” Lee kann wegen COVID nicht oft nach München reisen, trifft aber vom Hauptsitz in Seoul aus weiterhin eng mit europäischen Kunden rund um München zusammen. In gewisser Weise profitiert das Unternehmen stark von den Online-Meetings, die für alle selbstverständlich geworden sind.

Seoul Robotics plant Wachstum nicht nur im autonomen Fahren, sondern auch in Bereichen wie Smart City und Smart Factory. Smart City ist bereits ein wichtiger Bereich und liegt beim Umsatzanteil direkt hinter autonomem Fahren. Das Unternehmen arbeitet mit globalen Unternehmen sowie mit Regierungs- und öffentlichen Einrichtungen in Korea und den USA zusammen. Es will nicht nur im B2B-, sondern auch im B2G-Geschäft aktiv sein.

So wie es nicht mehr ungewöhnlich wirkt, dass zwei neue BTS-Songs in den Billboard-Charts stehen, ist auch ein Startup mit dem Namen “Seoul” in München, das von BMW als Tier-1-Softwareunternehmen ausgewählt wird, inzwischen kein ungewohnter Anblick mehr.

Eunseo Yi
eunseo.yi@123factory.de

Dieser Artikel wurde aus der Reihe “European Startup Chronicles” von BizHankook redigiert und adaptiert.